26-01-31 Gewöhnlich erkannten wir die Unsrigen sofort, sobald sie hinter einem Busch auf freiem Gelände hervorkamen

Madame fuhr nach Bremen. Dachte sie. Dann war sie in Oldenburg. Am Ende kam sie doch in Bremen an.

Sie schwärmt seitdem vom Hotel gegenüber vom Bahnhof.Nur am Namen sollte das Hotel noch arbeiten: Plaza Premium Columbus Hotel Bremen. Meine Güte.

Sie traf und trifft eine der unverstandensten Gruppen des freien Internets: Wikipedia-Administrator*innen.

Urlaubsplanüberlegungen: Mit der Fähre direkt nach Klaipeda? Oder mit dem Zug nach Kopenhagen/Trelleborg und von dort mit der Fähre nach Klaipedia? Oder ganz anders?

Martinhörner zur Mitternacht. Ein Geräusch, das wir so geballt seit der Schöneberger Hauptstraße nicht mehr hörten. Im Halbschalf dachte ich „Stadtautobahn.“

Die Berliner Feuerwehr berichtet, dass ihr zeitweise die Rettungswagen ausgehen. Die Unfallkrankhäuser schieben ähnlich viele Einsätze wie an Silvester. Willkommen in der Eiswüste Berlin. Allein an der Ampel gegenüber dem Büro – leicht abschüssig, inzwischen eine blanke Eisplatte – sah ich bei meinen letzten drei Überquerungen jedesmal eine Person stürzen.

Life-Hack einer jungen Mutter: An den besonders schlimmen Stellen den Kinderwagen (ohne Kind nehme ich an) an wacklig wirkende Menschen ausleihen, damit diese einen Impro-Rollator nutzen können.

Aufgrund der Eislandschaft Berlin haben die Berliner Öffentlichen Bibliotheken ihre Leihfrist um drei Wochen verlängert. Niemand soll gezwungen sein, vor die Tür zu gehen und sich ein Bein zu brechen, beim Versuch etwas zurückzugeben. Ehrenmenschen.

Es war ein Wochenendanfang zwischen Eis und Kino mit besonderer Aufmerksamkeit aufs Atmen.

Sprachi

Im Radio geriet ich an das „rbb Jugendradio“ Fritz. Und ich staunte, Im Fünfminutentakt hörte ich Wörter, die ich noch nie in einem deutschen Text gesprochen gehört habe. Das meiste waren Übernahmen aus dem amerikanischen Social-Media-Kontext1 und dürfen als solche gerne weiter jenseits meines Wortschatzes bleiben. Schön fand ich „Schickt eine Sprachi an..“ – da stimmen Albernheit von Wort und Tätigkeit doch wunderbar überein. Das sollte ich übernehmen.

BANIS

In Zehlendorf an der Bushaltestelle. Eine auf den ersten Blick normal wirkende Frau schreit mit bewunderungswürdiger Ausdauer die leere Fläche vor sich an. „Du FOTZE! Du hast mir nicht zu sagen! Du Schwanzlutscherin!“

Später in der Wohnung. In den frisch gefallenen Schnee vor unserem Fenster schrieb jemand vier Meter breit: „PENIS“.

Der Winter schlägt den Berliner*innen auf’s Gemüt.

Am nächsten Morgen: Fuchsspuren verliefen durch das Wort. Bis Vormittags hatte jemand PENIS in BANIS verwandelt. (oder B8NIS)

Michael Haneke sah diesen Film 25mal

Ein Kino hatte mich nach Zehlendorf gelockt. Die Bahnhofslichtspiele (Bali) feiern ihren 80. Geburtstag. Einst in den 1960ern/1970ern ein an diesem Ort unerwarteter Hotspot des Westberliner Politkinos, seit 2024 von einem ehemaligen Rechtsanwalt übernommen, dem ich unterstelle sich damit einen Jugendtraum zu erfüllen.

Das Kino: mit alten Filmpostern an der Wand, Klavier und Jukebox im Saal, vor der ersten Reihe einige Bistrotische, alles hat eine Aura des Jugendzentrums. Muss ich explizit sagen, dass ich es sehr mochte?

Anlässlich des 80. Geburtstags veranstaltet das Kino eine Woche der Filmklassiker. Da ich nicht alles sehen kann und will, entschied ich mich zur Füllung einer Bildungslücke. Andrei Tarkowski’s Der Spiegel (Зеркало -> Serkalo, UdSSR 1975)2.

Ein Film der mich an Yi Yi vom Mittwoch erinnerte: Plot und Erzählstruktur sind noch aufgelöster als in Yi Yi. Jede Einstellung ein Gemälde, jeder der knappen Dialoge halb Gedicht halb Meditation/Gebet, (außer die Teile in denen tatsächlich Gedichte gesprochen werden) jedes Geräusch ein Teil des Soundtracks. Ein Film, der in seiner Logik des emotionalen Fließens näher an Musik liegt als an gängigen Filmen.

Matsch

Es gibt keinen Plot. Die Rahmenhandlung lautet, dass ein 40jähriger Dichter sich im Moment seines Todes an sein Leben erinnert. Diese Rahmenhandlung habe ich während des Films nicht bemerkt, habe erst im Nachhinein davon gelesen.

Es ist eine Abfolge von Erinnerungsfragmenten Tarkowskis, immer wieder springend, immer wieder in Erinnerungen an Träume übergehend an seine Kindheit und als junger Erwachsener. Oft springt der Film; ein Wort oder eine Handlung, die in einer Sequenz erwähnen werden, öffnen die Tor in die nächste Sequenz.

Im Wesentlichen gibt es drei Orte, die immer wieder auftauchen: russisches Landleben auf der Blockhaus-Datscha, der Dichter als kleines Kind (etwa 1935); Moskau im Zweiten Weltkrieg; der Dichter als Erwachsener mit kleinem Sohn (1960er/1970er). Wir sehen aus der Sicht des Dichters: Mutter und Ehefrau werden von derselben Schauspielerin gespielt ebenso wie der Dichter als Junge und sein Sohn.

Wo die Handlung schwimmt, und die konsitente Realität sich auflöst und die reale Realität um so stärker. Bilder vom Matsch, ich fühle mich nass; Bilder vom brennenden Haus, ich rieche das Feuer. Oft genug schafft es der Film, jegliche Vernunftkontrolle zu umgehen und sofort zu den tieferen Hirnschichten des haptschen Fühlens und Riechens vorzudringen.

Bach, Bruegel, Artemeyev

Ein Film in vier Stimmen.

Der Film beginnt mit Bach und der Film endet mit Bach. Dazwischen Purcell und Pergolesis Stabat Mater. Selten erklingt Musik, aber wenn, dann ist sie raumgreifend, nie nur Hintergrund sondern Architektur der Szene.

Ein andere Modus: Die eigentliche „Filmmusik“ von Eduard Artemjew. Oft elektronisch, nur selten als Musik erkennbar, oft komponiert aus Natur- und Umgebungsgeräuschen, elektronisch aufgearbeitet und verfremdet. Wie der ganze Film: es ist ein halb träumerischer Übergang zwischen Umgebung und Gefühl, subjektiv empfundenem und vorgefundenen.

Dritter Modus: Geräusch. Ähnlich wie in Yi Yi, nie „nur“ Geräusch, sondern immer Rhythmus, Verstärker, gesetzt, oft erst die Szene machend.

Vierter Modus: Gedicht. Tarkowskis Vater, der Dichter Arseni Tarkowski, liest seine eigenen Gedichte während im Film etwas anderes passiert. Auch hier zählt Klang mehr als Worte (wenn man kein russisch kann und den Untertext liest eh). Der Klang des Gedichts als eigene Musik.

Flüssiges Land, zähflüssiges Buch

Es waren Tage der Auflösung: Neben den Filmen Yi Yi und Serkalo, in denen sich Filmkonventionen und Realitätssicht auflösten, las ich auch Raphaela Edelbauers „Das flüssige Land“ aus. Hier löst sich buchstäblich das Land auf.

Leider ist, trotz aller sprachlichen Brillanz, das Buch konventioneller als die beiden Filme. Und auch die wunderschöne Idee der österreichischen Kleinstadt im Wechselgebiet, nicht ganz von dieser Welt, halb im 19. Jahrhundert, halb im Jetzt, wortwörtlich verschlungen von den Sünden der Vergangenheit, wird im Laufe des Romans immer mehr entmagischt und immer „realistischer.“ Wodurch auffällt, wie sehr die innere Logik hakt. Inhaltlich strebt das Buch dem fulminanten Höhepunkt zu, stilistisch fällt es auseinander. Schade. Am Ende doch kein Buch, das dauerhaft im Regal bleiben wird.

Leiter weg, Blumenkohl her

Die Logistikwochen lassen in ihrer Intensität nach. Aber noch sind sie nicht vorbei. Nachdem die Schöneberger Wohnung inzwischen leer ist, war das Auto voll. Denn Bretter, die große Leiter und der latifundinische Staubsauger sollten alle nach Brandenburg. Dem Subaru würde es nicht schaden, auch mal wieder bewegt zu werden.

Also auf in die märkischen Hamptons. Die letzten Meter über den Plattenweg Richtung Siedlung mit dem Auto rutschen. Die weiße Schneelandschaft bestaunen. Einatmen. Ausatmen. Weite. Stille. Mit Schnee noch weiter und stiller als normalerweise.

Alles stand noch. Alles sah noch gut aus. Das Grundstück war, abgesehen von Katzenspuren, unberührt. Bier und Brause hatten erwartungsgemäß den Temperaturen standgehalten.

Stehen. Schauen. Atmen. Nichts hören. Wieder atmen. Augen schließen. Atmen.

Nach einem Zwischenstop beim Supermarkt beschloss ich das Haus nicht mehr zu verlassen. Also ging ich ins Schwimmbad.

Total Immersiv

Wie schnell Systeme zusammenbrechen. In unserem Hausbad gibt es eine als solche gekennzeichnete Sportbahn. Bei der Treppe ist der Bereich Totholz und dazwischen liegt der Bereich der Bahnenschwimmer ohne sportlichen Ehrgeiz. Je nach Laune und Beckenfüllung bin ich beim Totholz oder beim Bahnenschwimmen, ich bin ja aus Jux und Dollerei unterwegs, nicht aus sportlichen Gründen. Naja, heute war ein echtes Totholz-Pärchen unterwegs das zwei Drittel der Bahnschwimmbreite einnahmen. Sofort brach die Unordnung aus. Zwei Leute von 40 Anwesenden. Und alles wurde schwierig.

Im tiefen Becken ein bißchen mit der Totalen Immersion herumspielen. Und wie immer, wenn mensch in einem komplexen Bewegungsablauf auf einen Teil bewusst achtet (hier: An welchem Punkt beginne ich den Armzug nach hinten?) gerät alles andere in Unordnung.

Leider gehört zum komplexen Bewegungsablauf Kraulschwimmen auch das Atmen. Und naja, es gelang mir erfolgreich weder zu ertrinken noch auf halber Strecke hustend zusammenzubrechen. Nachdem ich meinen Stolz überwunden hatte, und von 3-Zug-Atmung auf 2-Zug-Atmung umgestellt hatte, hielt ich sogar länger als acht Meter durch.

Wien du wunderbare

I feel Joel. Manchmal hat man das Gefühl, das rein physisch links und rechte Sachen kaputt gehen und mensch mit den reparieren gar nicht hinterherkommt. Aber das neu gekauft Auto noch beim Händler, das ist krass: Dinge gehen kaputt.

Weiter südlich gibt es weniger Eis aber mehr Schnee: Mehr davon, und zwei und drei und vier.

Wien du wunderbare I: Früher konnte man mit Romantauschzentralen gutes Geld verdienen, heute tröpfelt das Geschäft mit Groschenromanen nur noch. (via Blütenstaub)

Wien du wunderbare II: “waun I mi scho aufbrezln muass, gibt’s hoid a a Brez’n dazua” Camp Catatonia beim Wiener Ball der Wissenschaft und ich liebe einfach alles an diesem Text.

Eine längeres Gespräch mit einer Mathe-Kollegin, die in der 5. Klasse einen Schüler hat, der im Zahlenraum bis 10 noch immer die Finger zu Hilfe nimmt. Beim Blick ins Grundschul-Zeugnis stellte sich dann heraus, dass er in der vierten Klasse in Mathematik gar keine Note, sondern nur ein paar freundliche Worte erhalten hatte. Und da regen sich andere über die vermeintliche Abschaffung der schriftlichen Division auf …

Anmerkungen

  1. Zum Beispiel: „Musik A macht legit 1:1 dieselbe Musik wie B“. Also im Sinne von engl. legitimate/legitim, ganz genau, wahrhaftig, wirklich. ↩︎
  2. Die Post-Überschrift („Gewöhnlich erkannten wir..“) ist der erste Satz im eigentlichen Film. Es gelang mir nicht, ihn sinnvoll in den Text hier einzuarbeiten, ↩︎

Ein Gedanke zu „26-01-31 Gewöhnlich erkannten wir die Unsrigen sofort, sobald sie hinter einem Busch auf freiem Gelände hervorkamen“

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